Die sinnliche Dimension der Farbe

Vernissage, 12.01.2012, Bremen

Einführung Dr. Sabine Haverkamp

In Ihrer Kunst beschäftigt sich Ulrike Brockmann mit der Wahrnehmung und der Wirklichkeit von Farbe. Auf Ihren Bildern sind Farbflächen zu sehen. Dabei trennt Ulrike Brockmann Farbe von ihrer Funktion als Eigenschaft von Dingen. Ihre Kunst ist ungegenständlich und nicht abstrakt.
So schafft sie die Möglichkeit der unmittelbaren Wahrnehmung - des Erlebens - der Qualität von Farbe, losgelöst von inhaltlicher Interpretation. Die Farbe soll zum Ausdruck kommen und wirken, allein oder in Bezug zu anderen Farben.
In diesem Ausdruck ist „
alles ganz offensichtlich“.
BetrachterInnen können die Wirkung der Farbe erleben. Zu verstehen gibt es im intellektuellen Sinne nichts. Es ist nichts Verstecktes zu finden. Die Bilder sind was sie sind – ein Stück wahrnehmbare Wirklichkeit.
Ulrike Brockmann sagt dazu
„Ich glaube, dass Wahrnehmung dort aufhört, wo inhaltliches/ begriffliches Denken anfängt“.
Über die Fragen „Was ist Wirklichkeit und Wahrnehmung?“ oder gar noch „Wie geht das?“ haben wir lebhaft und kontrovers diskutiert.
Wirklichkeit und Wahrnehmung ist für mich als Neurobiologin eine aktive, konstruktive Leistung des Gehirns. Kurz ausgedrückt: „Die Welt existiert nur in unserem Kopf. In unserem Gehirn gibt es nur elektrische Ströme und chemische Prozesse kein Abbild der Wirklichkeit. Das, was wir als Wirklichkeit bezeichnen, wird durch unser Gehirn konstruiert.“
In diesem Sinne gibt es für mich nichts, was von meiner individuellen Interpretationen losgelöst sein könnte. Und dies insbesondere nicht, da meine Wirklichkeit maßgeblich durch das Gedächtnis - unser wichtigste Sinnesorgan - bestimmt wird.
Damit sind auch Farben ein Konstrukt meines Gehirns, das nicht von eben diesem losgelöst sein kann.
Für Ulrike Brockmann ist die Wirklichkeit der Farben etwas Erlebbares.
Mit erlebbar meint sie, dass man die Qualität der Farben, ohne die Distanz über Zuordnungen/ Urteile, wahrnehmen kann. Dieses Erleben ist direkt mit Gefühlen verbunden und nicht durch inhaltliches Denken überlagert. Dieses Erleben möchte sie in ihren Bildern ermöglichen. Selbstverständlich ist dieses Erleben etwas Persönliches/ Individuelles. Ulrike Brockmann drückt es so aus:
„Ich möchte mit meinen Bildern niemanden zwingen, die Welt so zu sehen, wie ich sie sehe. Ich möchte ein Angebot machen, welches Raum für das Erleben von etwas Neuem schafft, ein Erlebnis von Wirklichkeit.“
Zum Erleben in diesem Sinne oder gar zu Gefühlen kann ich als Neurobiologin nur wenig sagen. Ich könnte anatomischen Strukturen oder chemische Prozesse beschreiben, aber die Antwort auf die Frage
„Wie kommt es, dass wir Gefühle erleben? Was sind Gefühle?“ kann ich nicht beantworten.
Was aber passiert, wenn ich die Bilder von Ulrike Brockmann betrachte?
Das betrachtete Bild ist mir fremd. Es kann mir gefallen oder auch nicht. Ich kann feststellen „aha, ein rotes Bild“. Es löst Gefühle, wie Irritation, Freude, Wärme, Kälte, Wohl- oder Unwohlsein in mir aus. Eine weitere Zuordnung durch Interpretation, etwas das mir sagt, was zu sehen ist, ist mir jedoch verwehrt.
Und ich habe bemerkt, dass ich aufhöre zu denken.
Ich kann nicht anders, als mich beim Erleben der Farben selbst zu erleben. Anfangs ein sonderbar fremdes Gefühl für mich. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Ulrike Brockmann würde sagen, dass ich in diesem Moment die Wirklichkeit der Farben wahrnehme. Und ich möchte ihr nicht widersprechen, auch wenn ich immer noch einen anderen Begriff von Wirklichkeit habe. In diesem Sinne bereichert mich die Kunst von Ulrike Brockmann sehr. Auf einer emotionalen und intellektuellen Ebene.
Wir können uns somit mit den Bildern von Ulrike Brockmann nur durch Wahrnehmung/ Erleben auseinandersetzen.
Auseinandersetzung ist auch der Entstehungsweg jedes einzelnen Bildes. Auslöser findet Sie in ihrer Umgebung. Zum Beispiel ein grünes Auto vor einer lila Hauswand. Der Ausdruck und das Zusammenwirken dieser Farben beschäftigen Sie. Sie beginnt ein Bild und begibt sich damit auf die Suche nach einer Lösung für ein visuelles Problem. Schicht um Schicht Farbe trägt sie auf die Leimwand auf, bis „es“ für sie richtig ist. Richtig ist dabei ein Gefühl, ein intuitives Wissen, das auf ihrer Wahrnehmung beruht. Ihr Ziel ist es, dass die Farben in ihrer eigenen Qualität erscheinen.
In dieser Arbeit gibt es eine unerwartete Parallelität zwischen der Naturwissenschaftlerin und der Künstlerin.
Beide sind wir an Problemen interessiert. Wir haben spezifische Fragen, die wir mit unseren Methoden versuchen zu beantworten. Beide kommen wir zu einem Ergebnis, dass mal zufrieden stellend ist und mal nicht. Manchmal wiederholen wir alles oder ändern die Methode, bis wir zu einem Ergebnis kommen, dass uns zufrieden stellt und schon ist eine neue Fragestellung da.
Dabei hat Ulrike Brockmann sich dem Thema Farbe erst langsam genähert. Lange Zeit arbeitete sie grafisch, reduziert auf Schwarz und Weiß.

„Farbe war mir zu emotional, zu bunt - Schwarz-Weiß-Zeichungen sind klar und unbestechlich“, erklärte sie mir. Auch hier war schon Ulrike Brockmanns Wunsch ausgeprägt, das zu zeigen, was Wirklichkeit ist.
So hat sie zum Beispiel bei Zug- oder Autofahrten mit dem Bleistift auf vielen Blättern hintereinander gezeichnet, was sie gesehen hat.
Auf mein Nachfragen hat sie mir dazu erklärt,
„Ich untersuche die Reduzierung visueller Eindrücke in Bewegung.“
Ich sehe auf diesen Blättern nur Striche - da hört meine Fähigkeit ihr zu folgen auf.
Seit einigen Jahren beschäftigt sich Ulrike Brockmann jetzt mit dem Ausdruck von Farbe.
Ich freue mich, sie darin begleiten zu dürfen, voller Neugierde und in stetiger Auseinandersetzung.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute viel Freude bei der Ausstellung „Farbzeit“.